Von Marc
10 Minuten Lesezeit
14 Jun
14Jun

Stand: 14. Juni 2026



Der Funke, der alles auslöste

Es war ein Video, das innerhalb von Stunden durch soziale Netzwerke fraß. Am Abend des 8. Juni 2026 wurde in der Kinnaird Avenue im Norden Belfasts ein 44-jähriger Mann brutal mit einem Messer angegriffen. 

Das Opfer, Stephen Ogilvie, verlor sein linkes Auge. 

Der mutmaßliche Täter: ein 30-jähriger Asylsuchender aus dem Sudan namens Hadi Alodid, der noch am nächsten Tag wegen versuchten Mordes angeklagt wurde. Noch bevor die Polizei den Täter in Gewahrsam genommen hatte, hatte das Video Hunderttausende erreicht — aufgeheizt durch rechtsextreme Aktivisten wie Tommy Robinson und verstärkt durch algorithmische Empfehlungssysteme auf X (ehemals Twitter). 

Was folgte, war das, was viele Nordiren mit einem Begriff beschreiben, der in Belfast schwer wiegt: Es erinnerte an die "Troubles".


Was wirklich geschah — und was nicht

In den Nächten von Dienstag bis Donnerstag kam es in Belfast zu schweren Ausschreitungen. 

Vermummte Männer zogen durch Arbeiterviertel, zündeten Häuser an, die sie für von Migranten bewohnt hielten, errichteten Straßenkontrollen und überprüften Autofahrer nach Hautfarbe und Herkunft. 

Mindestens 27 Migrantenfamilien wurden aus ihren Wohnungen vertrieben oder ausgebrannt, 12 Polizisten verletzt, Schulen, Geschäfte und der öffentliche Nahverkehr wurden vorsorglich geschlossen. Die Unruhen weiteten sich aus — nach Glasgow, Edinburgh, Southampton. In Southampton hatten rechtsextreme Netzwerke bereits seit August 2025 Ziellisten mit Migranten Adressen vorbereitet, die dann gezielt abgearbeitet wurden. Das war kein spontaner Wutausbruch. Das war ein organisiertes Vorgehen.

Was in diesen Tagen passierte, nennt der WSWS beim Namen: ein Pogrom. Amnesty International stimmte zu. Patrick Corrigan, Nordirland-Direktor von Amnesty, sprach vom dritten Sommer in Folge mit organisierten rassistischen Angriffen — und jeweils eskalierender Intensität.


Bürgerkrieg? Ein Begriff wird als Waffe eingesetzt

In sozialen Medien und bestimmten YouTube-Kanälen kursiert seither das Wort "Bürgerkrieg". 

Elon Musk hatte es bereits 2024 verwendet, als er über GB schrieb, ein Bürgerkrieg sei "unvermeidbar". 

Nigel Farage, Chef von Reform UK, sprach von "kalter Wut" und warnte, die Lage werde sich über den Sommer "eskalieren", wenn nicht gehandelt werde.

Der Guardian analysierte das Phänomen direktDer Begriff "civil war" sei kein Lagebericht, sondern ein Mobilisierungs Instrument. 

Er soll Unausweichlichkeit suggerieren, Gewalt normalisieren und Zuschauer zu Teilnehmern machen. 

LSE-Kriminologe Professor Tim Newburn stellte klar: Massengewalt dieser Art sei "quite unusual" in Großbritannien und erfordere immer eine Kombination aus gesellschaftlichem Stressniveau und dem Versagen staatlicher Kontrolle — nicht einen angeblichen Kulturkrieg.

Was in Belfast stattfand, war ernst und gefährlich. Aber es ist kein Bürgerkrieg. Bürgerkrieg bedeutet bewaffnete, organisierte Gruppen, die um Territorium oder Staatsmacht kämpfen. 

Die staatlichen Institutionen Großbritanniens funktionieren: Die Justiz klagt, die Regierung verurteilt, die Polizei verhaftet. Premierminister Starmer sprach von "völlig inakzeptablem" Verhalten, der nordirische Polizeichef Jon Boutcher nannte es ein "koordiniertes Einschüchterungsprogramm gegen die Migrantenbevölkerung".


Die gesellschaftliche Antwort — und was sie bedeutet

Am Samstag, dem 13. Juni, kam die Antwort der Mehrheitsgesellschaft. 

Rund 20.000 Menschen demonstrierten in Belfast und Derry unter dem Motto "Riots don't speak for Belfast" — die größte Anti-Rassismus-Kundgebung in Nordirland seit 2014. 

Gewerkschaften, Parteien, zivilgesellschaftliche Gruppen: Sie alle mobilisierten schneller und zahlreicher als die Randalierer. 

Die PSNI meldete am Samstagabend: Ruhe an den wichtigsten Brennpunkten. Gleichzeitig leitete die britische Medienaufsicht Ofcom offiziell Ermittlungen gegen X/Twitter und Tommy Robinsons Online-Kanäle ein, weil dort konkrete Adressen von Migranten aus Haushalten verbreitet worden waren.


Und Deutschland? 

Eine nüchterne Risikoeinschätzung

Die Frage stellt sich zwangsläufig: Kann so etwas auch hier passieren? Die ehrliche Antwort lautet: nicht "nein" — aber die Bedingungen sind andere.

Faktoren, die das Risiko mindern

Deutschlands politisches System ist strukturell widerstandsfähiger.  

Das Verhältniswahlrecht und der Föderalismus verhindern die Art von binärer politischer Polarisierung, die in GB unter dem Mehrheitswahlrecht entsteht. 

Das zeigt ein direkter Systemvergleich im New Statesman: Während in GB "alles oder nichts" gilt, werden in Deutschland Spannungen durch Koalitionen und institutionelle Kompromisse abgepuffert.

Soziologisch ist Deutschland zudem weniger gespalten als es sich anfühlt. Die Studie "Triggerpunkte" von Steffen Mau und Kollegen stellte fest, dass Konflikte hierzulande eher punktuell angeheizt werden als strukturell tief verankert sind

81 Prozent der Deutschen nehmen gesellschaftliche Spaltung zwar als real wahr — aber die Forschung zeigt, dass diese Wahrnehmung selbst teilweise ein Produkt gezielter Desinformation ist. ( Es gibt ja offensichtlich auch kein Glaubwürdiges Organ mehr.)

Faktoren, die das Risiko erhöhen

Gleichzeitig wäre es naiv, die Warnsignale zu ignorieren. 

Die AfD liegt aktuell bei etwa 27-28 Prozent in bundesweiten Umfragen — mehr als je zuvor. 

Die Wirtschaftslage verschlechtert sich: Über drei Millionen Arbeitslose, steigende Insolvenzen, sinkende Reallöhne. Die Tatsache der Mobilmachung Richtung Osten....Die Menschen sind verunsichert!

Der Allianz Risk Report 2026 listet Deutschland als eines der wirtschaftlich stabilen Länder mit dennoch besonders hoher Protest Aktivität.

Das Friedensgutachten 2026, herausgegeben von führenden deutschen Friedensforschungsinstituten, stellt klar: "Innerstaatlicher Frieden in Deutschland unter Druck.

Antimuslimischer Rassismus sei strukturell verankert und werde durch sicherheitspolitische Diskurse verstärkt. Die Warnung der Forschenden ist deutlich: Wenn demokratische Parteien rassistischen Diskursen nicht entgegentreten, stärken sie die Agenda autoritärer Kräfte.

"Brot für die Welt" stufte Deutschland 2026 in seiner demokratischen Bewertung herab — von "beeinträchtigt" auf "beschränkt", unter anderem wegen der Einschränkung von Protest Rechten. Das ist kein Kollaps, aber ein Warnsignal.


Was GB und Deutschland eint — und was sie unterscheidet

Die Berliner Zeitung schreibt, was in Belfast passierte, sei "kein Zufall, sondern das Symptom eines politischen Systems, das den Boden unter sich verliert." Das trifft auf GB zu. Auf Deutschland in dieser Schärfe noch nicht — aber die Richtung ist vergleichbar.

Der entscheidende Unterschied: In Deutschland gibt es bisher keinen Nigel Farage mit parlamentarischer Mehrheit und keine Tommy-Robinson-Struktur mit vergleichbarer Reichweite. Rechtsextreme Netzwerke existieren, aber sie stoßen auf robustere institutionelle Gegenwehr. Der Verfassungsschutz beobachtet, die Justiz greift ein, die Zivilgesellschaft ist wach.


Fazit: Kein Alarmismus — aber kein Wegschauen

Bürgerkrieg in Deutschland? 

Das ist Panikmache, die vor allem dem dient, der sie verbreitet. Aber Pogrome auf lokaler Ebene, ausgelöst durch einen viralen Trigger, befeuert durch  Netzwerke und soziale Medien — das ist ein realistisches Risiko, das wächst.

Die Lehre aus Belfast ist nicht Angst. Sie ist Wachheit. Die 20.000 Menschen, die am Samstag in Belfast auf die Straße gingen, haben gezeigt, dass Gesellschaften nicht passiv zuschauen müssen. Sie haben auch gezeigt: Die Mehrheit ist nicht dort, wo die Lautesten sind.


Letztlich werden die Zeiten nicht besser...deshalb laden wir jeden der mag ein mit uns gemeinsam ein stück weit stabiler zu werden.. nicht immer jeder Meldung hinterher zu laufen und einfach sich mit Dingen zu beschäftigen die jetzt gerade sinn machen....kommt dazu........Gemeinsam Resilient


Quellen: Tagesschau · BBC · Al Jazeera · The Guardian · Friedensgutachten 2026 · Allianz Risk Report · Berliner Zeitun


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