Von jojo
18 Minuten Lesezeit
06 Jun
06Jun


Wichtiger Hinweis

Wir sind keine Ärztinnen und Ärzte, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die Erfahrungen und Informationen rund um Gesundheit und Resilienz zusammenträgt. Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information.
Er ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bitte wende dich bei gesundheitlichen Fragen, Beschwerden oder bevor du deine Behandlung änderst immer an medizinisches Fachpersonal.


Süß, billig, überall – warum das ein Problem ist

Zucker war historisch etwas Besonderes, heute ist er ein unauffälliger Alltagsbegleiter: 

Im Frühstück, in Getränken „to go“, im Snack zwischendurch und im Dessert am Abend.
Viele Menschen denken dabei vor allem an klassische Süßigkeiten oder Limonade, übersehen aber, dass raffinierter Zucker und andere freie Zucker in unzähligen verarbeiteten Lebensmitteln stecken – oft, ohne dass wir es schmecken oder erwarten. Das eigentliche Problem ist dabei nicht ein einzelner Löffel Zucker, sondern die Summe:

Freie und zugesetzte Zucker liefern viel Energie, aber kaum Nährstoffe und stehen im Zusammenhang mit verschiedenen Gesundheitsproblemen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, sogenannte freie Zucker – also zugesetzten Zucker und Zucker aus Säften, Honig und Sirup – auf weniger als 10 Prozent der täglichen Energiezufuhr zu begrenzen; Unter 5 Prozent gelten als besonders günstiges Ziel.(Mein persönliches Ziel: 0,0% Industriezucker, unsere echten Lebensmittel haben genug fürs Hirn und bräuchten ihn eigentlich gar nicht.) 

Für eine erwachsene Person mit etwa 2000 kcal pro Tag entspricht das maximal rund 50 Gramm freiem Zucker (ca. 10 Teelöffel), besser wären etwa 25 Gramm (ca. 5 Teelöffel) oder weniger. Die europäische Lebensmittelbehörde betont, dass bereits relativ niedrige Zuckermengen mit einem erhöhten Risiko für Krankheiten wie Typ‑2‑Diabetes oder Herz‑Kreislauf-Erkrankungen verbunden sein können und sich kein wirklich „sicherer“ oberer Grenzwert angeben lässt.

Das Fazit dieser Gremien ist deutlich: Je weniger raffinierter und zugesetzter Zucker, desto besser – vor allem, wenn gleichzeitig mehr vollwertige, unverarbeitete oder wenig verarbeitete Lebensmittel auf dem Teller landen.



Was Zucker im Gehirn macht – und warum das nach Sucht aussieht

Zucker wirkt nicht nur auf den Körper, sondern auch auf das Gehirn. Wenn wir etwas Süßes essen, registrieren Geschmacksknospen den süßen Reiz und geben die Information weiter in Regionen, die für Belohnung und Motivation zuständig sind.
Das sogenannte dopaminerge System wird aktiv: Dopamin wird ausgeschüttet, ein Botenstoff, der für ein Gefühl von Freude, Lust und Motivation sorgt. 


Studien zeigen:

  • Süßer Geschmack kann sehr schnell Dopamin ausschütten, oft schon während wir etwas im Mund haben.
  • Dieser Dopaminschub verstärkt das Verhalten, das ihn ausgelöst hat – unser Gehirn lernt: „Wenn ich Süßes esse, geht es mir kurz besser.“
  • Wird dieses Belohnungssystem immer wieder und in hoher Intensität durch Zucker gereizt, können sich Nervenverbindungen so verändern, dass wir mehr Süßes brauchen, um denselben Effekt zu spüren – ein Mechanismus, der bei Suchterkrankungen ebenfalls beschrieben wird.


Im Alltag kann sich das so zeigen:

  • Nach jeder Mahlzeit „brauchst“ du noch etwas Süßes, obwohl du satt bist.
  • Nach Stress, Frust oder Erschöpfung ist Süßes die erste Strategie, um dich zu beruhigen oder zu trösten.
  • Du nimmst dir vor, „nur ein kleines Stück“ zu essen, und stellst später fest, dass du viel mehr konsumiert hast, als geplant.
  • Ohne süßen Kaffee, süße Getränke oder Snacks scheint der Tag kaum zu funktionieren.


Fachartikel beschreiben dieses Muster als „sucht ähnlich": 

Hoher Zuckerkonsum aktiviert die gleichen Belohnungen Bahnen wie andere Suchtstoffe und kann zu einer Art Abhängigkeit führen, bei der das Verlangen nach Zucker immer wieder neu angefeuert wird.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch automatisch „zuckersüchtig“ ist, aber es macht deutlich, warum es für viele so schwer ist, den Konsum zu reduzieren – das Gehirn spielt aktiv mit.


Historisch gesehen: Ein neues Level von Süße

Über weite Teile der Menschheitsgeschichte gab es nur sehr begrenzte Quellen intensiver Süße: Honig, manche Früchte, bestimmte Getreide oder Wurzeln. Kristallzucker in der heutigen Form war lange unbekannt, teuer oder nur für wenige Menschen verfügbar.

Erst mit der Kolonialgeschichte, dem Ausbau von Plantagen und später der industriellen Verarbeitung stieg der Zuckerkonsum in vielen Ländern dramatisch an.

Berichte zeigen, dass Pro-Kopf-Verbräuche von wenigen Kilogramm pro Jahr auf Dutzende Kilogramm gestiegen sind, parallel zur Ausbreitung von Zuckerraffinerien und industrieller Lebensmittelproduktion.


Heute ist raffinierter Zucker billig, jederzeit verfügbar und in einem Ausmaß in Produkte eingearbeitet, das es vor 100 Jahren so für die meisten Menschen nicht gab.


Das zeigt sich im Alltag:


  • Süße Getränke in großen Bechern, energie-ähnliche Getränke, aromatisierte Kaffeespezialitäten – überall und nahezu jederzeit.
  • Desserts, Süßwaren, süße Snacks und Müsliriegel als Standard im Supermarktregal, oft beworben als „Zwischensnack“, „Proteinquelle“ oder „Energie für den Tag“.
  • Zucker in Fertiggerichten, Soßen, Suppen, Brotaufstrichen, Frühstückscerealien und sogar in herzhaften Produkten – für Geschmack, Farbe und Haltbarkeit.


Unsere Körper und unser Stoffwechsel sind biologisch an eine Umwelt angepasst, in der Zucker selten war – wir leben aber in einer Welt, in der Zucker überall und sehr konzentriert vorkommt.
Die Diskrepanz zwischen biologischer „Ausstattung“ und moderner Zucker Flut ist ein wichtiger Grund, warum raffinierter Zucker heute so kritisch gesehen wird.



Wo sich Zucker versteckt – Beispiele aus dem Alltag

Ein großer Teil unseres Zuckers kommt nicht aus den offensichtlichen Quellen, sondern aus Lebensmitteln, in denen wir ihn auf den ersten Blick nicht erwarten.

Beispiele für versteckten Zucker:

  • Brot und Brötchen: Viele verpackte Brote enthalten zugesetzten Zucker, um Geschmack, Farbe und Frische zu beeinflussen.
  • Frühstückscerealien und Müslimischungen: „Vollkorn“, „Fitness“ oder „mit Vitaminen“ heißt nicht „zuckerfrei“ – viele Produkte sind deutlich gesüßt.
  • Aromatisierte Haferflocken: Portionspackungen mit Geschmack (z.B. „Frucht“, „Vanille“, „Schoko“) enthalten oft Zucker oder Sirup und machen aus einem einfachen Hafer Frühstück ein süßes Dessert.
  • Fruchtjoghurts und Dessertjoghurts: Joghurts mit Fruchtzubereitung oder Dessertgeschmack erreichen leicht Zuckermengen, die mit klassischen Süßspeisen vergleichbar sind.
  • Pflanzendrinks und aromatisierte Milch: Schoko‑, Vanille‑ oder andere aromatisierte Getränke auf Milch- oder Pflanzenbasis sind häufig deutlich gesüßt.
  • Ketchup, Grill‑ und Fertigsoßen: Ketchup, Barbecue‑Soße, fertige Pasta Soßen, Marinaden und manche Salatdressings schmecken herzhaft, enthalten aber häufig mehrere Zuckerarten.
  • Fruchtaufstriche und Konfitüren: Auch Produkte mit „hohem Fruchtanteil“ haben meist zusätzlich Zucker, damit sie süß genug schmecken und streichfähig bleiben.
  • Fertiggerichte und Tiefkühlprodukte: Soßen von Fertigpizza, Pfannengerichten, Aufläufen oder Nudelgerichten werden häufig mit Zucker abgeschmeckt.
  • „Fitness“- und Proteinriegel: Trotz Werbeaussagen zu Eiweiß oder Ballaststoffen können sie beachtliche Mengen Zucker enthalten.
  • Nussmus und Brotaufstriche: Manche Produkte sind zusätzlich gesüßt, um sie „dessertartiger“ oder milder zu machen.
  • Kaffee- und Teegetränke „to go“: Eiskaffee, Teegetränke aus der Flasche, Milchkaffee mit Sirup – sie können so süß sein, dass sie eher an flüssige Desserts erinnern.
  • Fruchtdrinks, Nektare und Mischgetränke: Neben natürlichem Fruchtzucker kommt in vielen Produkten noch zusätzlicher Zucker oder Sirup hinzu.


Das zeigt: 

Selbst wer selten klassische Süßigkeiten isst, kann durch solche versteckten Quellen insgesamt auf eine hohe tägliche Zuckermenge kommen.
Ein bewusster Blick auf Zutatenlisten und Nährwerttabellen ist deshalb ein wichtiger Schritt, um einen realistischen Eindruck vom eigenen Zuckerkonsum zu bekommen. 


Welche Krankheiten mit hohem Zuckerkonsum in Verbindung stehen

Zahlreiche große Gesundheitsorganisationen und Fachgremien nennen Krankheiten, deren Risiko mit hohem Zuckerkonsum steigt.

Besonders gut untersucht sind:

  • Übergewicht und Adipositas: Zu viel Zucker, vor allem in Getränken, liefert viele Kalorien, die wenig sättigen und daher leicht „obendrauf“ zur restlichen Ernährung kommen.
  • Typ-2-Diabetes: Hoher Zuckerkonsum – insbesondere in Verbindung mit Übergewicht und Bewegungsmangel – wird mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht.
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Zucker kann Blutfette, Blutdruck und Entzündungsprozesse beeinflussen, die alle eine Rolle bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielen.
  • Nicht-alkoholische Fettleber: Überschüssige Zucker können in der Leber in Fett umgewandelt werden; bleibt dieses Fett, kann eine Fettleber entstehen.
  • Karies: Freier Zucker sind der wichtigste Treibstoff für bestimmte Bakterien im Mund, die Säuren produzieren, die den Zahnschmelz angreifen.


Entscheidend ist nicht das einzelne Stück Kuchen, sondern die langfristige Gesamtmenge an raffiniertem Zucker im Zusammenspiel mit anderen Lebensstilfaktoren wie Bewegung, Schlaf, Stress und Rauchen.

Je häufiger freier Zucker konsumiert wird – und je „klebriger“ oder länger sie im Mund oder Blut bleiben –, desto ungünstiger ist das meist für Zähne, Stoffwechsel und Gefäße.



Wären wir ohne raffinierten Zucker besser dran?

Aus Sicht vieler Fachleute und Institutionen spricht viel dafür, dass wir ohne raffinierten Zucker, oder zumindest mit deutlich weniger davon, gesundheitlich besser aufgestellt wären. 

Einige Punkte:

  • Der Körper benötigt Glukose, aber keine großen Mengen an zugesetztem raffiniertem Zucker; Glukose kann aus komplexen Kohlenhydraten aus Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Gemüse und Obst gewonnen werden.
  • Wird freier Zucker reduziert, werden Blutzuckerspitzen und schnelle Abstürze weniger stark. Viele Menschen berichten dann von stabilerer Energie und weniger Heißhunger.
  • Das Belohnungssystem im Gehirn wird weniger extrem gereizt, wodurch sich das Verlangen nach Süßem mit der Zeit abschwächen kann.
  • Der Geschmackssinn passt sich an: Weniger Zucker führt oft dazu, dass natürliche Süße intensiver wahrgenommen wird und extrem süße Produkte plötzlich „zu süß“ schmecken.


Es geht nicht darum, jeden Genuss zu verbannen, sondern darum, die Rolle von raffiniertem Zucker bewusst zu verkleinern:


  • Mehr Lebensmittel mit eingebetteter Süße (z.B. Obst, bestimmte Gemüsesorten, Vollkorn).
  • Weniger stark verarbeitete Produkte mit verstecktem Zucker.
  • Zucker als gelegentliche Ausnahme statt als täglichen Standard.

Noch einmal der Hinweis zum Schluss

Dieser Artikel fasst Forschungsergebnisse und Empfehlungen von Organisationen wie der WHO und europäischen Fachgremien zusammen und möchte ein Bewusstsein für den Einfluss von raffiniertem Zucker schaffen.

Er ist keine medizinische Empfehlung und ersetzt keine persönliche Beratung. Bitte triff keine Entscheidungen zu Therapien, Medikamenten oder speziellen Diäten nur aufgrund dieses Textes – und wende dich bei gesundheitlichen Fragen immer an Ärztinnen, Ärzte oder andere qualifizierte Fachpersonen.

(Hier Geht´s zum Gartenprojekt)

(Was machen wir überhaupt?)


Weitere Infos:

#ThemaLinkQuelle
1WHO-Richtlinie: Zuckerzufuhr (offizielles Guideline-PDF)https://www.who.int/publications/i/item/9789241549028WHO
2WHO Presseinfo: Zucker auf unter 10% / ideal unter 5% begrenzenhttps://www.who.int/news/item/04-03-2015-who-calls-on-countries-to-reduce-sugars-intake-among-adults-and-childrenWHO
3NCBI/NIH: Volltext des WHO-Guidelines (wissenschaftlich)https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK285538/NCBI / NIH
4Max-Planck-Gesellschaft: Wie Zucker unser Gehirn beeinflusst (Dopamin & Belohnungssystem)https://www.sf.mpg.de/2078461/Wie-beeinflusst-Zucker-unser-GehirnMax-Planck-Gesellschaft
5ZKN Dresden: Der Fall der Zuckersucht – Ursachen des süßen Verlangenshttps://zkn.uniklinikum-dresden.de/sherlock-ms/der-fall-der-zuckersucht-die-ursachen-fuer-das-suesse-verlangenZentrum Klinische Neurowissenschaften Dresden
6AOK: Gibt es eine Zuckersucht? (Verständliche Erklärung für Laien)https://www.aok.de/pk/magazin/ernaehrung/lebensmittel/gibt-es-eine-zuckersucht/AOK
7DGD / DDG: Höchstens 50g Zucker pro Tag – Konsensuspapierhttps://www.ddg.info/diabetes-zeitung/hoechstens-50-gramm-pro-tagDeutsche Diabetes Gesellschaft
8Diabinfo: Diabetes und nicht-alkoholische Fettleber (NAFLD)https://www.diabinfo.de/leben/folgeerkrankungen/leber.htmlDiabinfo / DDG
9Herzstiftung: Diabetes geht aufs Herzhttps://herzstiftung.de/ihre-herzgesundheit/gesund-bleiben/diabetesDeutsche Herzstiftung
10NDR Ratgeber: Zucker – wie viel pro Tag ist gefährlich?https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/zucker-wie-viel-am-tag-ist-fuer-die-gesundheit-gefaehrlich,zucker133.htmlNDR



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